Textatelier
BLOG vom: 17.09.2009

Der verkannte Sinn der zusammengestückelten Geschichte

Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein CH (Textatelier.com)
 
Die Geschichte als Beschreibung der Vergangenheit, von ehemaligen Zuständen, Ereignissen und Prozessen erfüllt eine wichtige Aufgabe – oder sie sollte es zumindest tun: Sie lehrt uns verstehen, warum das, was da ist, so ist, wie es ist. Sie lehrt uns zu erkennen, weshalb wir so denken, falls uns das Denken nicht abgewöhnt worden ist. Die Geschichte ist eine Ansammlung von Erfahrungen, deren Folgen bekannt sind, und die uns inspirieren könnte, sinnvolle Verhaltensweisen auf unsere Zeit zu übertragen und zu wiederholen und – auf der anderen Seite – Dummheiten zu vermeiden.
 
Zwar lehrt uns genau diese Geschichte, dass sich die Zeiten immer ändern und damit ständig mit neuen Herausforderungen aufwarten, aber im Grundsätzlichen hat sich eigentlich wenig getan. Die Menschen sind macht- und geldgierig geblieben. Aggressionen sind unbeschädigt über die Runden gekommen, und selbstverständlich funktioniert auch die übrige Natur nach den altbekannten Grundsätzen. Nach wie vor sterben Fische, wenn man das Wasser vergiftet hat, und das Wasser fliesst wie seit je mit Vorliebe abwärts. Eis schmilzt wie seit je, wenn die Temperatur über dem Gefrierpunkt liegt.
 
Die Lernfähigkeit aus Erfahrungen ist nahe bei Null. Die Redensart „Durch Schaden wird man klug“ hat sich halten können. Wenn sie stimmen würde, wären wir die allerklügste Generation, die es seit je gab. Es sieht allerdings eher darnach aus, als ob man durch Schaden noch dümmer und beim Versuch, Schäden zu reparieren, erst recht den Faden verlieren und in sämtliche Fettnäpfe treten würde.
 
Die Erfahrungsgrundlagen, so auch das, was wir ins Wort „Geschichte“ verpacken, sind auch nicht perfekt. Was uns in Geschichtslektionen vorgesetzt wird, ist ein individuell zusammengebasteltes Produkt aus Teil-Informationen und Halbwahrheiten aus zufällig noch vorliegenden Quellen und Zeugnissen, die dann je nach Standpunkt des Historikers und aus dem aktuellen Zeitgeist heraus zu einem Gesamtbild vereint wurden, das eher in den Sektor „Mythen“ als Geschichtswissenschaft gehört. Schon wenn man sieht, was die modernen Massenmedien an Zerrbildern in die Welt setzen und was alles sie ausklammern, wird einem bewusst, dass Manipulationen, Unbedarftheit und Zufälle das Zepter führen.
 
Die Quellen, welche der Geschichtsschreibung zur Verfügung stehen, können zwangsläufig nicht mehr als Ausschnitte sein, die Verzerrungen hervorbringen müssen, auch wenn sich ein Historiker noch so sehr um Objektivität bemühen sollte. Wenn sie sich auf Aufzeichnungen aus der Zeit stützen, sind auch diese subjektiv. Eine Einseitigkeit verbindet sich mit der anderen. Und was vor allem erhalten bleibt, sind Aufzeichnungen über die Machthaber, über die Herrschenden. Das Denken und Empfinden des Volks und seine Lebensweise lassen sich bestenfalls anhand einiger hinterbliebener Gegenstände wie Scherben und verkohlten Balken rudimentär nachvollziehen, doch wird man den Gesellschaften nie gerecht. Wie soll man denn das Verhalten von Millionen und Milliarden längst in den Naturkreislauf heimgegangener Individuen verstehen und interpretieren?
 
Die daraus entwachsenen Kulturen als Summe gestaltender menschlicher Leistungen sind so etwas wie die Durchschnittswerte aus all den Lebensäusserungen. Sie geben Hinweise auf den Lebensstil und zeigen, welche Hilfsmittel wie Werkzeuge zur Verfügung standen, um den Alltag zu erleichtern. Alte Häuser geben Auskunft über den Wohnstil, wobei natürlich Herrschaftshäuser die besseren Überlebenschancen haben als die Hütten der auch von kirchlichen und weltlichen Machthabern ausgebeuteten Armen. Die Massenkultur wird bestenfalls in der Kulturgeschichte einigermassen abgebildet, die aber eine historische Randerscheinung ist und den Volksgeist zu den verschiedenen Zeiten nicht exakt abbilden kann. Aber gerade dies wäre wichtig, weil das Volk mit seinen Anschauungen, Vorstellungen und Vorurteilen die treibende Kraft der Geschichte ist, die von Staatslenkern, Kriegshelden und Geistesgrössen auf ihre Art umgesetzt wird. Zudem bleibt dieser geschichtliche Bereich von der auf markante Daten fixierten politischen Geschichte abgegrenzt, ein grundlegender Fehler. Alles Historische müsste ineinander verwoben sein, genau so, wie es im Alltag ist.
 
Je weiter geschichtliche Darstellungen zurückreichen, desto verschwommener sind die Fakten, auf denen sie fussen. Aber selbst die Neuzeit ist oft schwer zugänglich, weil wichtige Quellen unter Verschluss gehalten werden, meistens gerade jene, die auf ein besonderes Interesse stossen würden. Das erinnert ganz an den Index Librorum Prohibitorum („Verzeichnis der verbotenen Bücher“), mit dem der Vatikan seine Kunden auf dem aus seiner Sicht rechten Weg halten wollte. Und Adolf Hitlers „Mein Kampf“ wird im deutschsprachigen Raum aufgrund von Strafgesetznormen über „Volksverhetzung“ unter dem Deckel gehalten, selbst für Studienzwecke. Erschwerend kommt hinzu, dass der Freistaat Bayern als Rechtsnachfolger des NSDAP-Zentralverlages Eher das Urheber- und Verlagsrecht besitzt und jede Neuauflage von „Mein Kampf“ zu verhindern sucht; ab 2015 wird das Urheberrecht verjährt sein. Inzwischen überlässt man das Feld grosszügig neonazistischen Anbietern im Internet.
 
Gewiss hat Adolf Hitler am 01.09.1939 nicht gegen Polen „zurückgeschossen“, als er den 2. Weltkrieg einleitete. Kriegsauftakte sind immer von Lügen und Verdrehungen begleitet – die Amerikaner pflegen diesen Stil noch heute mit Inbrunst. Aber wenn Fakten und damit die Wahrheitsfindung unterdrückt werden, wird man sich zwangsläufig mit Spekulationen behelfen müssen. So vertritt der Historiker Stefan Scheil in seinem Erfolgsbuch „Fünf plus zwei“ die Ansicht, Europas Mächte hätten das Dritte Reich in einen Krieg gegen Polen gedrängt: „Die polnische Regierung lehnte die von Deutschland seit Oktober 1938 angebotene wechselseitige Grenzgarantie im März 1939 endgültig ab. Sie ging stattdessen mit den Westmächten jene Dreierkoalition mit ausschliesslich antideutscher Vertragsbindung ein.“ In diesem Sinne argumentiert auch der Autor Gerd Schultze-Rhonhof in seinem Buch „Der Krieg, der viele Väter hatte“. Auch einige andere Aussenseiter aus der Historikergilde wagen es, solches anzutönen.
 
Die Rolle Englands, Frankreichs auf der einen und der Sowjetunion (Hitler-Stalin-Pakt) auf der anderen Seite würde eine genauere Betrachtung verdienen. In der Weltwirtschaftskrise der 1920er- und 1930er-Jahre herrschte unter den kapitalistischen Industriestaaten eine brutale Konkurrenz. Die Position Deutschlands zu schwächen, war ein gemeinsames Ziel der neidischen Mitbewerber, die zudem militärisch hochgerüstet waren. Es herrschte ein Wirtschaftskrieg, wie es ihn auch heute in modifizierter Version wieder gibt. Der westliche Mainstream, selbst der deutsche, einigte sich auf die These, dass Hitler an dem furchtbaren Massaker, das angeblich etwa 60 Millionen Opfer forderte, die alleinige Schuld und nicht nur die Hauptschuld trage. Wenn solch vereinfachende Geschichtsbilder von Zensurmassnahmen begleitet werden müssen, werden kritische Beobachter zumindest skeptisch.
 
Zensurmassnahmen wie die Einschliessung oder die Vernichtung von Dokumenten sind immer auch Versuche, die Geschichte zu vertuschen, Geschichtsklitterungen zu ermöglichen und das menschliche Empfinden und Verhalten zu beeinflussen. Wenn darin schon eine Tradition besteht, ist es schon erstaunlich, dass virtuelle Gewalt- und Kriegsverherrlichungsspiele sogar von Kindern nach Belieben genutzt werden können.
 
Ich erwähne dies alles hier nur, um die Konfusionen aufzuzeigen, die trotz der Erfahrungen aus der älteren und jüngeren Geschichte vorhanden sind. Auf der einen Seite wird der Jugendschutz vernachlässigt, auf der anderen Seite werden Erwachsene durch die Elimination gewisser Fakten unter eine ideologische Quarantäne gestellt. Solch ein verqueres Denken ist in allen Lebenslagen festzustellen, und es scheint, als ob alle Menschen und alle Generationen darauf aus seien, altbekannte Fehler zuerst einmal wieder höchstpersönlich zu machen. Voltaire hätte sich in seinem Glauben an die ständig fortschreitende Entwicklung der Menschheit getäuscht, wenn er darunter eine Aufwärtsentwicklung verstanden haben sollte. Das Internet beweist, dass es zwar eine technologische Weiterentwicklung gab, deren positive Wirkung aber verpufft, wenn sich die Nutzer ausserstande fühlen, die schnell erreichbaren Wissensfragmente zu einem sinnvollen Ganzen zusammenzusetzen.
 
Die Geschichte, die dazu beitragen müsste, historische Abläufe zu bewältigen und die zukunftsbestimmenden Entscheide in vernünftige Bahnen zu lenken, ist selber eine Geschichte der Unzulänglichkeiten. Ignoranz im Verbund mit Egoismen machen die Erfüllung von Voltaires Voraussicht ohnehin zunichte. So strandet man denn bei Mahatma Gandhis Weisheit, die wenigstens einen Lehreffekt aus all den schönen Geschichten extrahiert: „Die Geschichte lehrt die Menschen, dass die Geschichte die Menschen nichts lehrt.“
 
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